Allein unter Narren: fehlendes Zugehörigkeitsgefühl erwachsener Kinder aus belasteten Familien
Er stand am Straßenrand, vor ihm wild tobende Karnevalisten im Rosenmontagszug. Er allein mit der Bierflasche in der Hand. Wie immer, dachte er, „ich gehöre nicht dazu.Allein unter Narren, wie in meiner Familie.“ Er schmunzelte ein wenig. „Und doch: Irgendetwas an mir muss komisch sein.“
Der beschriebene Karnavalist kommt mit diesem Thema in meine Praxis. Es stellt sich heraus, dass er das beschriebene Gefühl des Ausgegrentseins schon Zeit seines Lebens verspürte. Er ist Kind einer Suchtfamilie. Hier ist dieses fehlende Zughehörigkeitsgefühl weit verbreitet.
Fehlende Zugehörigkeitsgefühle und die Wuzeln aus Kindheitstagen
Wenn Menschen von Beginn ihres Lebens an erleben müssen, dass sie Bindung und Zugehörigkeit nicht selbstverständlich von den Eltern erhalten, dann kann eine tiefe Zugehörigkeits-und Beziehungswunde entstehen…eine Wunde, die oftmals nur schwer verheilt.Gerade an Tagen, an denen andere zusammen feiern, wird die alte Wunde allzu schmerzlich spürbar. Betroffene kämpfen ein Leben lang um dieses existentielle Gut, in ihrer Familie dazuzugehören, ebenso später zu Gruppen, sozialen Systemen oder zu einem Einzelnen. Da oftmals ähnliche Strukturen wie die familiär bekannten gesucht werden, stoßen manche wieder und wieder auf Menschen und Institutionen, die für wenig Zuwendung viel verlangen: Leisten ohne Anerkennung, Unterwerfung, Aufgeben eigener Bedürfnisse, Geheimnisse tragen und verschweigen etc….Verschweigen von Unliebsamem und Falschaussagen Abnicken sind an der Tagesordnung und gleichsam Eintrittskarten, um in den Kreis der Dazuhörigen zu gelangen. Erneut drohen derart Betroffene, zu Erfüllungsgehilfen zu werden: von Menschen, die sie für sich (miss)brauchen.
Die Folgen
Manche Seele wurde schon auf dem Altar des Götzen des Zugehörigkeit geopfert. Viel von unserer Lebendigkeit kann auf diesem Altar zurückbleiben: sich zugehörig und verbunden fühlen, sich aufgehoben und geborgen fühlen ist ein menschliches Grundbedürfnis, ja mehr noch ist es die Grundlage unserer Identität, für die gerade erwachsene Kinder von schwierigen Eltern oft einen hohen Preis bezahlen müssen. Denn: Erst durch die anderen erfahren wir, dass wir sind.Anklang und Resonanz zu fühlen macht die eigene Daseinsberechtigung für uns fühlbar und konkret erlebbar.“ ( Gindl 2002, S.15). Da, wo Kinder gesehen, gehört, verstanden und gefühlt werden, dort wo sie eine positive Resonanz erfahren, dort wissen Sie um sich, dort kann sich ihre Identität gedeihlich entwickeln-. In der Kindheit brauchen wir diese selbstverständliche und nicht an Bedingungen gebundene Zugehörigkeit insbesondere.
AWOKADO-Konzept/Barnowski-Geiser). Ihnen hatte geholfen (Auszug):
die Wunde anzuerkennen,
die Wunde zu pflegen und betrauern
neuen Anklang zu finden, (das war möglich in neuen „Anderen“, in Therapeuten oder neuen Vertrauten… in Musik, durch die sie ihr seelisches Erleben gespiegelt fühlten). Musik erzählten, wofür es keine Worte gab.
Einen lieben Gruß zum Aschermittwoch
Eure /Ihre
Waltraut Barnowski-Geiser