Würdigen, was niemand sah: sich selbst wertschätzen lernen in einer belasteten Familie

In einer belasteten Familie geht oft viel verloren: Wahrheit, Glaube und Vertrauen beispielsweise bleiben dann auf der Strecke. Kinder aus diesen Familien gehen sich in der Folge, wenn die Belastung über lange Zeit anhält, oft selbst verloren; leben sie doch alltäglich in einem Tabu, das ihnen vermittelt, das eigentlich alles normal sei.  Ihre Nöte, aber auch ihre alltäglichen übergroßen Leistungen werden regelmäßig  übersehen. Ihre Überanstrengung und Überkompensation (Barnowski-Geiser/Geiser.Heinrichs 2017), die sie aufgrund der Erkrankungen oder Beeinträchtigungen der Eltern leisten müssen, verschwinden im familiären Nebel. Oft werden ihnen selbst diese Leistungen nie bewusst, manchmal erst im Rahmen von Therapie im Erwachsenenalter. Und dann sind Betroffene verunsichert, denn im Verlaufe ihrer familiären Zugehörigkeit zum tabuisierenden System ist ihnen auch selbst Wetschätzung und Würdigung für das von ihnen für das Familien- System Geleistete abhanden gekommen: Das Geleistete gibt es in der familiären Wahrnehmung so wenig wie es die Krankheit/Belastung der Eltern gab oder gibt. Geleistetes versinkt unter Scham, die die Kinder anstelle ihrer Eltern meist unbewusst übernehmen. Negative Selbstzuschreibungen sind dann an der Tagesordnung: „Ich bin doch so furchtbar angepasst!“ (wenn  die Überanpassungsleistung ständig nötig war),  oder „Ich hab doch so ein dämliches Helfersyndrom“ ( wenn sich Kümmern in krisenhaften Kindheiten als einzig lebbare Möglichkeit erschien) u. ä. lauten dann die unguten Selbst-Zuschreibungen.

Jetzt im Erwachsenenalter können Sie,insbesondere wenn die elterliche Belastung nun hinter ihnen liegt, neu und anders leben: indem Sie einen anderen Umgang mit sich selbst pflegen. Sie können Ihre Eltern vermutlich nicht ändern, so sehr Sie das auch wünschen, so sehr Sie sich dafür anstrengen, Als Angehörige einer belasteten Familie haben Sie vermutlich Großes geleistet (Oder tun es immer noch), entsprechende Bewältigungsmechanismen entwickelt, aus denen  spezifische, ihnen sehr eigene, Stärken entstanden sind – nur allzu lange wurden diese übersehen, von anderen und womöglich auch von Ihnen selbst. Im Heute, gerade jetzt, können diese durch Sie selbst Beachtung erfahren, neu in Resonanz und die Welt gehen, indem sie, auch wenn es ungewohnt erscheint, die Botschaft dieses Wochenimpulses umsetzen: Würdige, was niemand sah!

(Formulierung in Anlehnung an Buchtitel Barnowski-Geiser 2009: Hören, was niemand sieht) .

Sonniges auf Ihre Wege sendet

Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

Dr. Waltraut Barnowski-Geiser, Lehrende in Schulen, Hochschulen und therapeutischen Ausbildungsgängen. Leiterin der BEL-Kids-Projekte, Autorin. Publikationen zum Foschungsschwerpunkt familiäre Belastung u.a. Hören, was niemand sieht;  Vater, Mutter, Sucht und Meine schwierige Mutter, gemeinsam mit Maren Geiser-Heinrichs

Würdige, was niemand sah: sich selbst wertschätzen lernen in einer belasteten Familie

In einer belasteten Familie geht oft viel verloren: Wahrheit, Glaube und Vertrauen beispielsweise bleiben dann auf der Strecke. Kinder aus diesen Familien gehen sich in der Folge, wenn die Belastung über lange Zeit anhält, oft selbst verloren; leben sie doch alltäglich in einem Tabu, das ihnen vermittelt, das eigentlich alles normal sei.  Ihre Nöte, aber auch ihre alltäglichen übergroßen Leistungen werden regelmäßig  übersehen. Ihre Überanstrengung und Überkompensation (Barnowski-Geiser/Geiser.Heinrichs 2017), die sie aufgrund der Erkrankungen oder Beeinträchtigungen der Eltern leisten müssen, verschwinden im familiären Nebel. Oft werden ihnen selbst diese Leistungen nie bewusst, manchmal erst im Rahmen von Therapie im Erwachsenenalter. Und dann sind Betroffene verunsichert, denn im Verlaufe ihrer familiären Zugehörigkeit zum tabuisierenden System ist ihnen auch selbst Wetschätzung und Würdigung für das von ihnen für das Familien- System Geleistete abhanden gekommen: Das Geleistete gibt es in der familiären Wahrnehmung so wenig wie es die Krankheit/Belastung der Eltern gab oder gibt. Geleistetes versinkt unter Scham, die die Kinder anstelle ihrer Eltern meist unbewusst übernehmen. Negative Selbstzuschreibungen sind dann an der Tagesordnung: „Ich bin doch so furchtbar angepasst!“ (wenn  die Überanpassungsleistung ständig nötig war),  oder „Ich hab doch so ein dämliches Helfersyndrom“ ( wenn sich Kümmern in krisenhaften Kindheiten als einzig lebbare Möglichkeit erschien) u. ä. lauten dann die unguten Selbst-Zuschreibungen.

Jetzt im Erwachsenenalter können Sie,insbesondere wenn die elterliche Belastung nun hinter ihnen liegt, neu und anders leben: indem Sie einen anderen Umgang mit sich selbst pflegen. Sie können Ihre Eltern vermutlich nicht ändern, so sehr Sie das auch wünschen, so sehr Sie sich dafür anstrengen, Als Angehörige einer belasteten Familie haben Sie vermutlich Großes geleistet (Oder tun es immer noch), entsprechende Bewältigungsmechanismen entwickelt, aus denen  spezifische, ihnen sehr eigene, Stärken entstanden sind – nur allzu lange wurden diese übersehen, von anderen und womöglich auch von Ihnen selbst. Im Heute, gerade jetzt, können diese durch Sie selbst Beachtung erfahren, neu in Resonanz und die Welt gehen, indem sie, auch wenn es ungewohnt erscheint, die Botschaft dieses Wochenimpulses umsetzen: Würdige, was niemand sah!

(Formulierung in Anlehnung an Buchtitel Barnowski-Geiser 2009: Hören, was niemand sieht) .

Sonniges auf Ihre Wege sendet

Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

Vergessenen Kindern eine Stimme geben-Texte zur Coa-Aktionswoche 4

Frau K., 34 Jahre:  „…Wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden“

Wenn ich auf mein Elternhaus zufahre, ist mir bis heute mulmig: ich bekomme Herzrasen, feuchte Hände, mir wird schwindlig. Ich bin seit mehr als zehn Jahren bei meinen Eltern ausgezogen und immer noch holen mich diese alten Gefühle ein. Mein Vater hat seit meiner frühesten Kindheit getrunken, in unterschiedlichem Ausmaß, man nennt das wohl Quartalstrinken. Manchmal hat er Wochen trinkend in seinem Bett verbracht, dann stand er nur auf, um sich etwas zu trinken kaufen zu gehen und dann gab es auch Wochen, in denen er nichts trank- dann wirkte er sehr depressiv, verkatert, übellaunig. Seine Stimmung war überhaupt unberechenbar: sie konnnte abrupt wechseln  zwischen übergriffig-liebevoll und gewalttätig-aggressiv.

Lange Zeit meiner Kindheit hat niemand etwas von der Sucht meines Vaters gewusst. Er ging noch einer Arbeit nach und wenn er zu betrunken war, hat meine Mutter ihn mit erfundenen Ausreden entschuldigt. Auf Familienfesten hatte ich permanent Angst: wenn seine ausgelassenene Stimmung kippte, konnte er vor allen sehr ausfallend werden. Auch erzähte er dann gern Intimes über mich und meine Freunde und gab es zum Amüsement der anderen zum Besten. Wenn ich es je wagte, mich darüber zu beschweren, wertete er mich einfach als zu empfindlich ab und meine Mutter stand ihm bei. Wenn er nicht mehr trank, tat sie so, als wäre nur „schön gefeiert“ worden. Mit meinem heutigen Wissen kann ich sagen, dass sie die klassische Co-Abhängige ist. Ihr gesamtes Leben ist auf ihn ausgerichtet – ein einziges Warten, dass er sich mit ihr beschäftigt. Wenn er nicht zur Verfügung stand, musste ich das früher übernehmen. Hörte er auf mit der Trinkerei, wurde ich wieder auf den Kinderplatz gestellt und war von ihren Unternehmungen ausgeschlossen – meine Freunde wurden misstrauisch beäugt. Schließlich sollte niemand wissen, wie es bei uns zuging. Ich habe auch sehr oft Freunde ausgeladen oder versetzt, weil es zu peinlich war, wenn jemand meinen Vater in seiner Trunkenheit mitbekommen hätte.

Oft denke ich, ich bin verrückt: wenn ich diese Körpersymptome habe und keine Erklärung dafür zu finden ist.Seit neustem habe ich  richtige Panikattacken – Hilfe geholt habe ich mir vorher noch nicht, weil ich nicht über mein Zuhause sprechen will- ich möchte meine Eltern nicht schlecht machen. Irgendwie empfinde ich das als Verrat-ich mag meine Eltern ja auch.Ich habe mir ein paar Bücher gekauft, in denen es um Sucht geht- so habe ich ein bisschen was kapiert wenigstens.

Seit ich nun selbst Kinder habe, sind die Attacken schlimmer geworden. In meinen eigenen Kindern begegnet mir so viel, was mich an schlimme Situationen aus meiner Kindheit erinnert. Dann denke ich, dass ich besser keine Kinder bekommen hätte, weil mir bestimmt ganz viel fehlt, um eine gute Mutter sein zu können. Meine Eltern fanden das nicht gut, dass ich Kinder bekommen habe- sie haben sehr bedeckt reagiert, als ich ihnen erzählte, dass ich schwanger bin. Ich glaube, sie wollten selber weiter mehr Raum in meinem Leben einnehmen und ihren exklusiven Platz nicht mit meinen Kindern teilen. Meine Mutter beansprucht mich immer noch wie ihren Besitz. Wenn mein Vater trinkt, spüre ich das sofort – es ist , als würde ich immer noch auf ungewöhnliche Weise mit ihnen verwoben sein. Das schwappt einfach durch die Luft. Wenn es schwierig ist mit ihm, ruft meine Mutter mich bis heute an und erwartet, dass ich das übernehme: ihn ins Krankenhaus bringen, einen Arzt motivieren oder auf ihn einreden, dass er aufhören möge etc. All das ist eigentlich eh sinnlos, aber ich fühle mich wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden, ich kann nicht nein sagen, wenn ich meine Eltern in ihrer Not sehe.