Mein bester Freund,mein wahrhaftigster Zeuge: wie Ihr Körper vom Gestern erzählt

Er weiss, was dir gut tut und was nicht.

Keiner kennt dich so wie er.

Er folgt dir treu auf Schritt und Tritt.

Er vergisst nicht.

Er leistet unfassbar viel für dich.

So einen Freund hätten sie gern an Ihrer Seite? Sie haben Ihn schon: Ihren Körper!  Ihr Körper macht all das ein Leben lang: da er jedoch auch die Gefühle und Wahrheiten zu schwierigen Familiensitutionen erzählt, bezeugt und erinnert, steht er in belasteten Familien leicht in der feindlichen Ecke: der Körper wird kurzerhand zum Verräter erklärt, gerade da wo Fassaden aufgebaut werden. Kinder aus belasteten, tabuisierenden Familiensystemen verinnerlichen diese Sicht irgendwann: sie beäugen ihren eigenen Körper kritisch, misstrauisch, vertrauen ihm nicht… Die inzwischen verstorbene Tanztherapeutin Trude Schoop nannte den Körper in diesem Sinne eine „Klatschbase“.Und der Körper kann auch dann noch,vielleicht zum ersten Mal erzählen, wenn das Belastende lange vorbei ist. Wenn der Koerper sehr lange unerhoert bleibt, Körper und Seele nicht mehr weiterwissen, kann das in Krankheit münden: auch als Spätfolge im Erwachsenenalter.

Wie man doch noch gut Freund mit dem Körper werden kann, zeigt Hanne Seemann in ihrem lesenswerten Buch.

Und was hilft mir heute, fragen Sie sich zurecht,gerade jetzt in der Coronakrise,in der mein Koerper unter Stress steht,dauerangespannt ist?…wie würden Sie einen alten verletzten Freund behandeln? Vielleicht pflegen, zuhoeren,streicheln, verstehen, was ihm wiederfuhr, trösten?…Seien Sie heute gut zu Ihrem Freund, dem Körper…fragen Sie ihn nach seinen Wuenschen…das kann Ihre heutige CoronaKrisenKreativChallenge sein:denn gerade jetzt,wo andere ferner ruecken muessen,koennen wir uns selbst naeher kommen.Einen schoenen Tag wuenscht

Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

Wo Kränkung regiert, ist Krankheit nicht weit: Wie Kränkung das Leben belasteter Familien bestimmt und wie rettende Wege hinausführen

Zum heutigen Blogbeitrag animierte mich ein hörenswerter Vortrag von Prof. Reinhard Haller, Psychiater und Psychotherapeut aus Österreich. Er spricht zum Thema „Die Macht der Kränkung“. Haller beschäftigt sich mit Kränkungen im allgemeinen und mir scheint die Brücke in die belastete Familie sinnvoll. Ich halte dieses Thema für belastete Familien und ihre (erwachsenen) Kinder für besonders bedeutungsvoll, denn: Wenn wir uns belasteten Familien nähern, so ist ihnen ein Merkmal in der Regel gemein: alle Familienmitglieder haben schlimme Kränkungen erlitten. Die Art der Kränkung mag sich unterscheiden, auch die Symptome und Folgen ebenso wie der Umgang: gemeinsam in der familiären Dynamik ist meist die Tabuisierung, hier werden  Kränkungen totgeschwiegen, werden nicht aufgearbeitet, sondern auf andere Weise, den Betroffenen meist selbst nicht bewusst, ausagiert… und in unguter Weise drohen Auswirkungen so von den Eltern an die Kinder und nachfolgende Generationen weitergegeben zu werden. Aus Kindern, die Kränkungen erfahren, werden leicht Eltern, die meist unabsichtlich, ihre Kinder neuerlich kränken. Fehlende Liebe während des Aufwachsens sowie fehlende positive Resonanzen (Petzold, Rosa etc.) erzeugen Kränkungen und Gekränktsein: aus Gekränkten drohen Kränker zu werden. Teils wird in der gesamten Gesellschaft eine Zunahme narzistischer Tendenzen beschrieben, denen oftmals massive Kränkungen zugrunde liegen

Die familiäre Anhäufung dieser Phänomene tut, besonders bleibt sie unbearbeitet, niemandem gut: Ein krankmachender Teufelskreis entsteht. Über das Ausmaß der Kränkung sind Teile der Familie, wie es der Wortsinn schon andeutet, erkrankt: nicht nur die Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie (Schubert u.a.) zeigt uns  in jüngster Zeit eindrucksvolle Zusammenhänge zwischen  Beleidigungen, Demütigungen, Mobbing, frühen Traumatisierungen und Krankheiten, für die sich keine körperlichen Ursachen finden lassen.

Fassen wir Kränkung als Teil eines Tanzes zwischen schwierigen Eltern und Kindern (Geiser-Heinrichs/Barnowski-Geiser 2017), als Teil einer spezifischen Interaktion (Haller) auf, dann scheint es wichtig, die Beziehung und das Gesamtsystem  im Auge zu haben, also systemisch zu schauen, um Änderung und Hilfe möglich werden zu lassen. Zentral für Betroffene auf Ihrem Weg zur Heilung der Kränkung scheint:

  • Zulassen, dass es Kränkungen gab und gibt (im AWOKADO-KOnzept als Würdigung der Belastung beschrieben)
  • betrauern dürfen
  • einen eigenen Standpunkt, eine neue Haltung, zu den Kränkungen finden (in verstrickten Familien meist nicht ohne Außenstehende zu schaffen)
  • die entstandenen Wunden pflegen ( auch Trost annehmen, insbesondere außerhalb des familiären Systems), statt sich weiter in Selbstverletzung, Selbst-Quälen und Selbst-Beschimpfen zu ergeben.

Prof. Hallers Vortrag in der Reihe fürs Leben lernen der Arbeiterkammer AT finden sie augenblicklich in der Teleakademie des Alpha-TVs oder auf youtube

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche

IHre

Waltraut Barnowski-Geiser

Der Anker in meinem Körper – Kreative Selbsterfahrung

Wie achtsame Leser bemerkten, fehlte in einem Blogbeitrag noch die angekündigte  Übung „Der Anker in meinem Körper“ zur Arbeit mit Gefühlen. Diese nun wie versprochen hier:

Kreative Selbsterfahrung: Der Anker in meinem Körper

Diese Methode möchte ich Ihnen hier zur Selbstanwendung vorstellen. Sprechen Sie diese Arbeit ggf. mit Ihrem Therapeuten ab, machen Sie die Übung nur, wenn Sie sich gerade stabil genug für neue Erfahrungen fühlen.

 Diese Übung erfordert ein wenig Zeit und einen Ort, an dem Sie ungestört sein können...setzen oder legen Sie sich nun bequem hin. Achten Sie darauf, dass Sie nicht eingeengt werden und ihr Atem frei fließen kann….

Nehmen Sie nur wahr, wie Sie aus- und einatmen…nichts ändern müssen, alles sein lassen…Denken Sie nun , wie es sich anfühlt, wenn Sie sich ganz bei sich und mit sich eins fühlen. Vielleicht erinnern Sie auch eine entsprechende Situation. Wie hat sich Ihr Körper angefühlt dabei? An welchem Punkt in Ihrem Körper ist dieses Gefühl zu Hause? Stellen Sie sich nun, wenn diese Vorstellung angenehm ist, vor, wie Sie mit jedem Ausatemzug tiefer in Ihren Körper sinken und seiner inneren Weisheit folgen. Welche Körperstelle meldet sich, bewerten Sie nicht, auch wenn Ihnen diese Stelle ungewöhnlich erscheint…. Gehen Sie mit Ihrer Achtsamkeit zu dieser Stelle: wie fühlt es sich genau an, welche Farben sind hier zu sehen, welche Klänge zu hören? Nur wahrnehmen…. Wenn diese Stelle gut mit Ihren Händen erreichbar ist, so legen Sie eine Hand über diese Stelle. Nehmen Sie die Energie wahr…verbinden Sie sich mit dieser Stelle und der Hand, so wie es angenehm für Sie ist.

Wiederholen Sie diese Übung, wenn Sie sie angenehm erleben, ab sofort täglich.

Bei aufsteigenden unangenehmen Gefühlen können auch diese, nach einiger Übung im Körper, verortet und gewandelt werden ( z. B. bemerken sie: Wut sitzt heute in meinem Kiefer). Dann mit der stabilisierenden Stelle verbinden ( Wohlfühlstelle s.o., z.B. im Herzen), indem Sie sich vorstellen, die Energie aus der Wohlfühlstelle zur unangenhemen Körperstelle fließen zu lassen- auch eine Brücke, wie in Übung 1 , kann zwischen diesen Stellen imaginiert werden. Probieren Sie aus und wandeln Sie so ab, wie es Ihnen persönlich entspricht-.

 Eine gute Zeit wünscht Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

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„Spinn ich?“Körpersprache für Kindheitsbelastete/ Teil 2

Ich bin Zeit meines Lebens krank gewesen und habe  mich auch so gefühlt. Stimmige Diagnosen gab es kaum – meine trinkende Mutter habe ich überall verschwiegen. Das war mir sehr peinlich. Ich war ein Glanzkind, das zu strahlen hatte für meine Eltern. Erst als ich nicht mehr schlafen konnte und mich permanent übergab, bemerkte ich, dass mein Körper nicht mehr mitspielt. Dann fragte ich mich: Spinn ich? Bin ich wirklich krank oder bin ich verrückt?“ (Frau N., 35 Jahre) (zit. nach Barnowski-Geiser/2009: Hören, was niemand sieht)

Für Menschen mit Kindheitsbelastungen sind  eigene Erkrankungen oftmals besonders belastend, geraten sie doch durch Krankheit zusätzlich in eine enorme Schuldverstrickung. Wie entsteht diese ungute innere Verstrickung: Erst mit etwa 12 Jahren nehmen Kinder Schmerzen nicht mehr als etwas von außen Kommendes wahr, sondern identifizieren diese als körperliche Empfindung. „Bis dahin können Kinder Krankheit als Bestrafung für eigenes Fehlverhalten erleben und sogar Krankheitssymptome verschweigen, weil sie sich deswegen schuldig fühlen.“ (Plahl/Koch-Temming 2005, S.114) Wird dieser Mechanismus nicht aufgelöst, so kann der Vorgang, sich die Schuld für die eigene Erkrankung zuzuweisen, auch im Erwachsenenalter wirkmächtig bleiben.Es handelt sich somit im unguten Fall einerseits um einen innerpsychischen Vorgang, andererseits um eine familiäre Dynamik. Dies gilt besonders in Familien, in denen Eltern erkrankt sind sind und  für Erkrankungen, die wenig greifbar scheinen oder in die „psychosomatische Ecke“ abgetan werden.

We Wenn alles Alarm schreit: das Vegetativum als Sprachrohr

Wie wir schon in anderen Ausführungen  sehen konnten, ist das Stressniveau von Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen teils chronisch erhöht. Besonders stressanfällig zeigt sich das vegetative Nervensystem, das bei außergewöhnlichen Beanspruchungen eine besondere Beziehung zum Schmerz aufrechterhält. Alarmreaktionen führen zur Energetisierung der Steuerungssysteme. Wie bei Schreck und Schocksituationen wird das limbische System aktiviert und zum Sympathikusnerv geleitet. Jede Alarmreaktion erfordert höchste Aufmerksamkeit. „Wenn die Belastungen jedoch zu stark sind oder zu lange andauern, wird das Vegetativum in seinen regulativen Fähigkeiten überfordert und seine psychophysiologischen Funktionen entgleisen.“ (Seemann 1998, S.37) Betroffene bemerken Fehlreaktionen im Entstehen eines Symptoms. ,,Ein solches Symptom jedoch hat nur die Funktion aufmerksam zu machen und zu warnen und ist noch keine psychosomatische Störung im eigentlichen Sinn. Wenn allerdings solche Symptome nicht bemerkt oder nicht wichtig genommen werden, so können daraus funktionelle Befindlichkeitsstörungen entstehen, die ein Gefühl von Kranksein hervorrufen, ohne dass eine Krankheit zu diagnostizieren wäre.“ (Seemann 1998, S.37)

Unter psychosomatischen Rhythmusstörungen zeigen sich etwa bei Erwachsenen aus Suchtfamilien besonders  Anspannungsstörungen und vegetative Entgleisungen. Erwachsene Betroffene zeigten zum Teil chronische Erschöpfungssyndrome, insbesondere dann, wenn in selbst gegründeten familiären Systemen weitere Belastungsfaktoren wie chronische Erkrankungen von Kindern, Partnern auftrat oder auch weitere Suchtbelastungen . Klagen von Klienten über ihre Leiden sind eher selten- erst wenn die körperliche Situation zugespitzt und nicht mehr zu übergehen  war. Eine Aufgabe in der therapeutischen Arbeit ist zu lernen, sich dem Körper überhaupt zuzuwenden und ihn nicht nur als verräterischen Feind zu betrachten. „Abschließend können wir sagen, dass das vegetative Nervensystem ein potentes, kraftvolles und intelligentes Funktionssystem ist, das seine Regulationsaufgaben autonom erfüllen kann – vorausgesetzt, die Umgebungsbedingungen sind nicht über zu lange Zeiten zu belastend und vorausgesetzt, wir stören es nicht durch uneinsichtiges Verhalten oder schockieren es massiv.“ (Seemann 1998, S.63) Da für Betroffene diese „Einsicht“ oftmals  im Bereich des familiären Tabus liegt, stellt eine „Zusammenarbeit“ mit dem Körper eine entsorechend  schwere Herausforderung dar. Bezeichnenderweise treten viele Störungen erst nach den Extrembelastungen auf, etwa wenn die Gefahr der schleichenden oder akuten Suchtbelastung vorüber ist: Offenbar sind die Verarbeitungssysteme Betroffene in der Lage, zunächst den existentiell bedrohlichen Ereignissen den „Vorrang“ zu lassen

Bleibt Krankheit über längere Zeit unerhört, kann das nachhaltig negative Folgen haben: Die Folge sei gewöhnlich eine gesteigerte Suche nach persönlicher oder medizinischer Betreuung oder Zuwendung: eigentlich sollten die mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problem in Zusammenhang stehenden Schmerzen schwerwiegend genug sein, um im medizinischen Kontext ernst genommen zu werden. (Seemann 1998) In der Kooperation mit Ärzten zeigte sich, dass aus medizinischer Sicht noch wenig auf Kinder in belastenden Umständen geschaut wird, erst recht , wenn diese lange zurückliegt – so gilt für betroffene Kinder und erwachsene betroffene Erkrankte durchaus in abgewandelter Form, was Hanne Seemann in ihrer Arbeit mit Schmerzpatienten über die ‚Versorgungslandschaft Psychosomatik’ konstatiert: „Auf allen Wegweisern kann man lesen, wo es nicht hingeht. Kein Organbefund, keine Erklärung, wie es emotionale Belastungen und Konflikte anstellen, Schmerzen hervorzubringen, kein Verständnis oder zumindest Anerkennung für das Leiden und die innere Beteiligung der Betroffenen, ihr Umherirren in der medizinischen Angebotslandschaft und ihren Wunsch, doch noch einen Ort zu finden, wo anerkannt wird, dass sie nicht nur Schmerzen darbieten bzw. über solche klagen, sondern dass die Schmerzen haben.“ (Seemann 1998, S.14) Eindrucksvoll schildert Hanne Seemann, wie Funktionsstörungen eine Sprache des Körpers darstellen, die Bedeutung hat und Sinn macht – belastete Kinder und Erwachsenen sprechen indirekt über den Körper aus, was sie nicht sagen dürfen – sie sind oft angewiesen auf andere Menschen außerhalb Ihrer Familie, die ihre Körper-Sprache hören und verstehen können und sie mit ihnen kleinschrittig erlernen. Bleibt dies aus, droht die Weitergabe der krankmachenden Mechanismen in die nächste Generation. Die Epigenetische Forschung liefert hier erschreckend eindrucksvolle Belege: sogar die Gene der Kinder traumatisiserter Mütter zeigen sich verändert.

 

An unsichtbaren Fäden des Gestern:Wenn Schuld das Leben bestimmt

Ein Gefühl, das Menschen mit Kindheitsbelastungen von der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter beschäftigt, ist Schuld. Schuld ist hier gemeint als sich schuldig Fühlen, im Sinne einer inneren Bewertung .

„Das heißt, dass ein erlebtes Schuldgefühl nicht gleichsam bedeutet, dass diejenige Person, an der man scheinbar schuldig wurde, sich selbst als jemanden erlebt, dem etwas angetan wurde. Das Quälende der Schuldgefühle besteht gerade darin, sich ohne äußerlich erkennbaren Grund maßlos schuldig zu fühlen.“ (Musiktherapeutin Gitta Strehlow, 2005)

Auch die therapeutische Szene hat an diesen Entwicklungen keinen unerheblichen Anteil: lange Zeit wurden etwa im suchttherapeutischen Bereich Angehörige vielmehr als Verursacher von Krankheit angesehen (hier von Sucht), anstatt als diejenigen, die etwas erliiten. Erst in neueren Ansätzen werden spezifisch an Angehörigen orientierte Konzepte verfolgt (u.a. Flassbeck, Barnowski-Geiser).

In ihren Erklärungszuschreibungen erleben sich Betroffene diffus, beschreiben das Schuldgefühl als „einfach da“, abseits aller logischen Erklärungen. Bei vielen Kindern findet eine Umleitung statt, indem sie ihre Belastung verschieben und sich selbst als belastend beschreiben, sich damit „schuldig machen“. Manche Kinder äußerten während fortlaufender Therapie  heftige Schuldgefühle, die sogar mit Todeswünschen einhergingen. Oftmals leiden sie unter einem existentiellen Erleben von „Nicht- Gewollt- Sein“. Betroffene glauben, sich das Recht ihrer Existenz und Anwesenheit erst erarbeiten zu müssen. In diesen inneren Konstruktionen wird Eltern ein hohes Zugriffrecht zugebilligt. Erwachsene Betroffene glauben, weit über die Kindheit hinaus für ihre Herkunftsfamilie zur Verfügung stehen zu müssen: eben einfach, weil  sie sich auf ihnen selbst nicht bekannte Art und Weise schuldig gemacht hätten. Derart Betroffene scheinen diese Schuld förmlich abarbeiten zu müssen, was  eine innere Loslösung sowie Autonomiebestrebungen fast unmöglich erscheinen lässt – zumindest solange dieser Mechanismus ihnen nicht bewusst wird..

 „Und ich war ihrer Ansicht nach schuld, dass sie immer mehr trank, weil das mit mir alles nicht auszuhalten war… So äußerte sie sich… und sie sagte mir auch, dass sie, wenn sie im Auto saß, schon oft daran gedacht hatte, gegen die Wand zu rasen – wegen mir. Heute macht mich das wütend!“ (V16,HerrI.,40 Jahre).

Frau O., die sich nach ihren Erzählungen von ihrer Herkunftsfamilie deutlich gelöst habe, da es unter Alkoholeinfluss wiederholt zu sexuellen und gewalttätigen Übergriffen durch den Vater kam, wenig Loyalität durch Mutter und Geschwister gegeben habe, stellt ihre Herkunftsfamilie mit Tieren nach. Für sich selbst wählt Frau O. ein schwarzes Schaf, das die Aufschrift trägt:  ‚Welcome’. Diese Aufschrift fällt ihr erst durch einen Hinweis der Therapeutin auf. Frau O stellt sehr verwundert fest: „Und doch ist es genau so, wie ich es hier gewählt habe. Weil ich benannt habe, was sich sehe, war ich das schwarze Schaf meiner Familie, und doch würde ich bis heute alles tun, wenn meine Familie in Not ist. Ich fühle mich tief in der Schuld, die ich nicht erklären kann!“ (V17,Frau O., 46 Jahre)

Zitiert nach Barnowski-Geiser 2009: Hören, was niemand sieht

Schuld mobilisiert aktive, selbstkontrollierte Versuche, etwas wiedergutmachen zu können.“ (Strehlow 2005) Der Wunsch, sich für die Herkunftsfamilie einsetzen zu wollen, ist bei Betroffenen  besonders stark. Besonders bei Kindern, die ihre kranken Eltern durch Tod verloren haben, werden Schuldfragen existenziell. Auch berichteten betroffene Kinder von anderen Familienmitgliedern (in der näheren und erweiterten Verwandtschaft), die ihnen Schuld am Tod  eines erkrankten Elternteils zuschrieben. Manche Familiensysteme sind durch Tod oder Selbstmord eines Erkrankten offenbar so stark traumatisiert, dass es dann darum geht, die Schuld von sich selber  „wegzubekommen“. Im Sinne von ‚Angriff ist die beste Verteidigung’ scheuen so offenbar weder Großmütter davor zurück, ihre Enkel in der Verantwortung für den Tod des Erkrankten zu beschuldigen, wie Geschwister einander, Väter ihre Töchter: sicherlich ein Ausdruck allerhöchster familiärer Not.

Kann das Schuldthema nicht aufgedeckt werden, zeigte es sich bei Betroffenen als lebensbestimmende Triebfeder des eigenen Handelns: verschleißende und sich selbst missachtende Muster, einer Selbstbestrafung gleichendes Verhalten waren die Folge.  Auch Raubbau mit dem eigenen Körper, ein wenig liebevoller, fast an Selbstverachtung grenzender, nicht gesundheitsförderlichen Umgang mit sich selbst geht oftmals mit ungelösten Schuldzuschreibungen einher.

Beitrag in Anlehnung an Barnowski-Geiser:Hören, was niemand sieht 2009

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