Barnowski-Geiser

Klänge.Worte.Therapie...kreativ neue Wege gehen

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Kreativ neue Wege gehen: Selbsterfahrung und Inspirierendes aus der kreativtherapeutischen Arbeit

Mein neuester Blogeintrag

18,April2020

Nicht nur zu Coronazeiten - Wie Krisen durch Musik leichter werden


When I sit alone on my chair

And there`s nothing for me to do

I want someone who shares

The lonelyness with me and stays through.

…I have no love, no reason for life

(Selbst verfasster Rap eines Betroffenen, 17Jahre)


Robin schreibt seit neustem Rap-Texte- damit gehe es ihm besser, sagt er. Sein Vater ist Alkoholiker, die Mutter meist traurig, „Die haben mit sich selbst genug an der Backe!“, erzählt er ungerührt. Zudem sei es für ihn total öde zu Hause, langweilig und dann habe er auf nichts mehr Lust.

Robins Texte gehen unter die Haut, aber hier kann er endlich ausdrücken, wofür er vorher keine Worte hatte. Auch zu trommeln beginnt er, zunächst auf allen Gegenständen, die er finden kann. Er macht viele Stunden am Tag Musik, textet- „Ich habe endlich mein Leben gefunden- mein Leben ist Musik!“, sagt er überzeugt. Das ist umso erstaunlicher, da Robin sich vor der musiktherapeutischen Arbeit als „absolut unmusikalisch" beschrieb. „Oh Gott, was soll das denn, Musiktherapie!“, waren seine ersten Worte, als er von seinen Lehrern in die schulische Musiktherapie geschickt wurde.


Musik - ein Superfood für Betroffene?

„Vor der Therapie war ich hinter einer hohen Mauer gefangen, alles war grau. Ich bin im Kreisen um mein Gewicht gefangen, ich hungere, ich werde immer dünner - das Leben macht kaum Sinn.“ Sie holt das Monochord. „Als ich in der ersten Stunde dieses Monochord angespielt habe, war das ganz unbegreiflich. Ich spürte Schwingung, ich spürte Leben - es erschütterte mich wie es mich faszinierte. Ein einziger Ton, so wenig und so viel - die Hoffnung auf eine grüne Wiese, die Hoffnung auf Leben!“ (Frau E.,48 Jahre)


In dieser Fallvignette  eröffnet ein einziger Ton eine zukünftige Dimension und deren Erleben. „Mit der tönenden Verarbeitung beginnt der zukünftige Umgang mit etwas Ungelöstem.“ (Hegi 1986, S.153) In der musikalischen Improvisation findet  eine Verdichtung statt durch die Gleichzeitigkeit polarer Gegensätze, wie Nähe und Distanz, Realität und Irrealität usw. „Die musikalische Phantasie kann solche Kraft und Schärfe annehmen, daß sie die Realität an Deutlichkeit übertrifft.“ (Hegi 1986, S.154) Hier wird prägnant, welche Ambivalenz musikalische Improvisation bei Betroffenen auslösen kann: Sie kann Sehnsüchte und Hunger nach Kontakt und Zuwendung, nach Resonanz und Anklang erfüllen, von der Realität ablenken, Flucht ermöglichen und ebenso in ihrer Deutlichkeit erschrecken, förmlich verraten und Verdecktes aufdecken.

Betroffene haben in alkoholbelasteten Familien oft über Jahrzehnte beziehungsmäßig  ins Leere gegriffen, wurden weder gesehen noch gehört, sie erfuhren oftmals durch Erwachsene, die vor allem mit sich selbst beschäftigt waren oder schlicht nie gelernt hatten, in Beziehung zu treten, keine Resonanz, keinen Anklang. Oftmals haben sie über Jahrzehnte den Eindruck gewonnen, dass Beziehung und Anklang Finden den Preis des Selbstverlustes beinhaltet: sie mussten sich selbst vergessen, übergehen, verbiegen , um Beziehung oder Kontakt zum erkrankten oder beziehungsunfähigen Elternteil herzustellen. Musik kann tonales Superfood für all die ins Leere gegangenen Kinder sein: Musik lässt auf verschiedenste Art und Weise Anklang ohne Selbstverlust zu, sowohl beim Musikhören (auch in der Rezeptiven Musiktherapie eingesetzt) als auch im Musikmachen (in der aktiven Musiktherapie verwendet). Es entsteht ein Beziehungsband, zwischen uns und der Musik, zwischen uns und dem anderen, der Musik macht- neue Seelenklangbrücken. Da erklingt bei Ravel vielleicht die eigene Zerrissenheit und ist in Klängen aufgehoben, Sarah Connor besingt das eigene Beziehungsdilemma etc. - die eigene Seelenlandschaft wird hörbar, spürbar, erfahrbar.

Wir können in Musik Echo finden, Anklang, Resonanz und auch etwas, nach dem wir uns sehnen, eine Erlebensqualität, die wir noch nicht kennen, kann sich uns in der Musik erschließen.


Corona-Krisen-KreativChallenge "Musikalisches Superfood"

                                                     Eine spannende Reise zurück

Teilen Sie Ihr Lebensalter in 7er Schritte, also 7 Jahre alt, 14, 21 etc...: welche Musik hat Sie in der jeweiligen Altersstufe getragen, begleitet?…das Internet macht uns die alten Titel heute meist leicht zugänglich. Hören Sie jeden Tag eines dieser Stücke aus einem Alter an, indem Sie

1 versuchen, mit dem ganzen Körper hören

2 sich bewegen lassen von der Musik

3 Für das Tragende, Rettende, Kostbare in dieser Musik ein Symbol aufmalen

4 Dem Symbol einen würdigen Platz geben

5 In den nächsten Tagen ein Archiv Ihrer musikalischen Superfoods anlegen.